Unangekündigte Hausbesuche bei Pflegeeltern – Blinder Aktionismus, der keinem hilft!
Der PFAD Bundesverband wendet sich engagiert gegen Versuche, unangekündigte Hausbesuche als Kriterium für fachlich gute Arbeit mit Pflegefamilien zu suggerieren. 

Wenn Kinder in Pflegefamilien zu Schaden kommen – wie nach den furchtbaren Misshandlungen und dem grausamen Tod der neunjährigen Anna im Sommer 2010 – wird regelmäßig der Ruf nach mehr Kontrollen in Pflegefamilien laut. In blindem Aktionismus, der von Angst und Ratlosigkeit geprägt ist, möchte die „betroffene“ Kommune unter dem Druck der Öffentlichkeit zumindest irgendetwas tun. Sie will – gegen anerkannte fachliche Standards in der Jugendhilfe – nun wieder einmal durch eine „sichere Arbeitsvorgabe“ wie unangekündigte Hausbesuche durch das Jugendamt das Wohl der in Pflegefamilien untergebrachten Kinder gewährleisten. Die Pflegefamilien sollen sich sogar schriftlich damit einverstanden erklären. Begründet wird dies seltsamerweise als „vertrauensbildende Maßnahme“, „zum Schutz der Pflegefamilie“ und „zur Abschreckung schwarzer Schafe“.

Wenn Pflegeeltern von ihren Jugendämtern gut ausgewählt, umfassend vorbereitet, regelmäßig fortgebildet und angemessen betreut und begleitet werden - wie PFAD dies seit langem fordert - sind solche „Kontrolleinsätze“ völlig unnötig.

Für das zuständige Jugendamt im „Fall Anna“ wurde das Verfahren eingestellt, bevor das zuständige Gericht den Fall aufgearbeitet, entschieden und die Todesumstände endgültig ermittelt hat. Bis heute gab es im Gegensatz zu den vergleichbaren Todesfällen keine unabhängige Untersuchung des Falles und der Abläufe im Jugendamt. Gerade deshalb muss die Frage gestattet sein, warum sich dermaßen überforderte und hilflose Pflegeeltern keine Hilfe bei dem sie betreuenden Fachdienst gesucht haben bzw. nicht aufgefallen sind. Wir wissen nicht, was dort nicht geklappt hat, aber wir wissen, dass Jugendamtsstrukturen mit überlasteten oder nicht genügend qualifizierten Fachkräften, die nur noch als „Feuerwehr“ bei Problemen anrücken können, schlechte Pflegeverhältnisse verursachen und verantworten!

Eine wirklich gute Betreuung von Pflegefamilien ist nicht gegeben, wenn man sich nur ein- oder zweimal im Jahr zur vorgeschriebenen Hilfeplanerstellung trifft, sondern wenn durch eine kontinuierliche Begleitung ein vertrauensvolles Verhältnis erarbeitet wird. Pflegeeltern und auch Pflegekinder müssen auch von ihren Problemen berichten können und dann entsprechende Hilfsangebote bekommen. Pflegeeltern sind oftmals in Gefahr, an ihre Grenzen zu geraten. Das ist ganz normal, wenn man sich rund um die Uhr um vernachlässigte, bindungsgestörte oder traumatisierte Kinder kümmert. Werden Pflegefamilien mit dieser schwierigen Aufgabe alleine gelassen oder meinen immer „heile Familie“ demonstrieren zu müssen, um nicht als unfähig zu gelten und das Kind wieder abgeben zu müssen, so kann das nicht gut gehen!

Überall werden händeringend neue Pflegefamilien für schwierige Kinder gesucht. Doch wenn man Pflegeeltern prinzipiell Misstrauen entgegen bringt, wird man keine finden. Vielmehr sollten die Kommunen das große soziale Engagement von Pflegefamilien entsprechend würdigen, ihnen bei Bedarf weitere Hilfen und Entlastungen zugestehen und sich dafür einsetzen, dass ihre Fachdienste vor Ort personell und fachlich gut ausgestattet sind und eine qualitätsgerechte Betreuung und Begleitung gewährleisten können, wie sie auch der Gesetzgeber fordert.

Ulrike Schulz, stellvertretende Vorsitzende

Pressemitteilung "Unangekündigte Hausbesuche!" vom 28.01.2011 (pdf)

 
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