DJI Online Thema 2009/05: Pflegekinder und ihre Familien – Chancen, Risiken, Nebenwirkungen
Eklatante Fälle von Kindesvernachlässigung führen häufig zu einer befristeten oder auch dauerhaften Unterbringung der Kinder in Pflegefamilien. DJI Online liefert mit dem aktuellen Monatsthema „Pflegekinder und ihre Familien: Chancen, Risiken, Nebenwirkungen“ ein differenziertes Bild zur Pflegekinderlandschaft in Deutschland. Grundlage sind Ergebnisse aus einer mehrjährigen vom Bund geförderten Studie, die das DJI gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) durchgeführt hat. Die Erkenntnisse aus diesem Forschungsprojekt fließen auch ein in das Mitte 2009 erscheinende „Handbuch Pflegekinderhilfe“.

Eine gewandelte Landschaft der Pflegekinderdienste sowie eine geänderte Rechtslage waren Anlass, das vom DJI 1987 veröffentlichte Handbuch „Beratung im Pflegekinderbereich”, das zum Standardwerk der Pflegekinderhilfe avancierte, neu zu verfassen.

Leitmotiv des dazu von August 2005 bis April 2009 laufenden DJIProjekts war es herauszuarbeiten, wie das Wohl der Kinder in der Pflegekinderhilfe gefördert werden kann. Die Bindungen und Beziehungen der Kinder sowohl an die Herkunftsfamilie als auch die Pflegefamilie wurden dafür ebenso untersucht wie die unterschiedlichen Interessen der leiblichen und pflegenden Eltern sowie die der professionellen HelferInnen in den Jugendämtern und den Pflegekinderdiensten.

Das Mitte 2009 erscheinende Handbuch zur Pflegekinderhilfe wird auch in einer Internetfassung online verfügbar sein. Der Aufbau dieses Manuals orientiert sich – ähnlich wie schon beim DJIHandbuch zur Kindeswohlgefährdung – ganz klar an der Handlungsperspektive der Praxis und bietet konkrete Hilfen für die Entscheidungsfindung im Einzelfall.

Deutschland ist im internationalen Vergleich ein Land mit einem hohen Anteil von Kindern in Fremdunterbringung: Bei einer Fremdunterbringung kommen jüngere Kinder eher in eine Pflegefamilie, ältere Kinder eher in eine stationäre Maßnahme. Laut Jugendhilfestatistik befanden sich 2005 in Deutschland rund 50.000 Kinder in Pflegeverhältnissen. Da nicht alle Pflegeverhältnisse statistisch erfasst sind, schätzen ExpertInnen die Gesamtzahl auf ca. 135.000. Das sind 0,9% aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Aufgrund der sinkenden Kinderzahlen ist der relative Anteil leicht gestiegen, obwohl die absolute Anzahl der Kinder in Pflege seit 1991 recht stabil ist.

Die DJI-Studie liefert u.a. quantitative Daten zu 632 Pflegekinderverhältnissen, die in vier Gebietskörperschafen erhoben wurden. Demnach stammen die Kinder in Vollzeitpflege zu einem großen Teil aus Herkunftsfamilien, die durch länger andauernde Unterversorgungslagen und biografische Deprivationsgeschichten gekennzeichnet sind. In fast 70% der Unterbringungen in Fremdpflegefamilien und bei etwas mehr als der Hälfte der Verwandtenpflegen gingen bereits andere Hilfen wie sozialpädagogische Familienhilfe oder Hilfen zur Erziehung voraus. In 60% der Herkunftsfamilien sind die Mütter alleinerziehend.

Unter den Gründen für die Fremdplatzierung in einer Pflegefamilie wurden von den befragten Fachkräften bei rund 50% der Inpflegegaben Be- und Erziehungsprobleme genannt. Von großer Bedeutung war in diesem Kontext auch die Situation des Alleinerziehens, die in 40% der Fälle als Grund angegeben wurde. Mit 35% standen an dritter Stelle wirtschaftliche Probleme, die weitgehend auf den sehr niedrigen Bildungsstand in den Herkunftsfamilien zurückzuführen sind. Insgesamt hatten 80% der Mütter und 66% der Väter in den Herkunftsfamilien keinen oder nur einen sehr niedrigen Ausbildungsabschluss.

Nach Einschätzung der sozialen Arbeit hat die Mehrzahl der Kinder in Vollzeitpflege in der Herkunftsfamilie eine Kindeswohlgefährdung erfahren. Mehr als die Hälfte der Kinder in Vollzeitpflegeverhältnissen wiesen in der Folge nach Angaben der Pflegeeltern bedeutsame Beeinträchtigungen in den Bereichen psychische Gesundheit, Bildung und soziale Teilhabe auf. 43% der Kinder litten an behandlungsbedürftigen Einschränkungen der psychischen Gesundheit und Störungen in der Verhaltensanpassung. Bei einer Untergruppe der Pflegekinder lag eine posttraumatische Belastungsstörung vor. Von den Indikatoren für Bildungsrisiken (Sonderschule, Klassenwiederholung, Lernschwierigkeiten) sind 67% der Pflegekinder mit mindestens einem Problemindikator und 35% mit mindestens zwei Indikatoren belastet. Für 81% der Pflegekinder gilt eine eingeschränkte, und für 13% sogar eine stark eingeschränkte Teilhabe am sozialen Leben.

Pflegeeltern, die sich dieser Kinder meist mit viel Enthusiasmus und gutem Willen annehmen möchten, stehen vor einer großen Herausforderung, die häufig unterschätzt wird. Die im DJI-Gastbeitrag zu Wort kommende Pflegemutter, die anonym bleiben möchte, wünscht sich daher von den zuständigen vermittelnden Stellen mehr Aufklärung und Transparenz sowie eine verstärkte und dauerhafte Unterstützung bei der Bewältigung des schwierigen Alltags mit den Pflegekindern.

Mehr Ressourcen müssten – so ein Ergebnis der DJI-Studie – auch bereitgestellt werden, um die Herkunftsfamilien stärker zu unterstützen. Denn sie brauchen entweder Hilfe, um die Trennung von den Kindern zu verarbeiten und im Interesse der Kinder die Kontakte zu halten, wenn diese langfristig in der Pflegefamilie leben. Oder aber dabei, ihre Erziehungsfähigkeit (wieder) herzustellen, die eine wichtige Voraussetzung für die Rückführung der in Pflege gegebenen Kinder zu den leiblichen Eltern ist. Dies ist derzeit in Deutschland nur bei 5% der Kinder in
Vollzeitpflegeverhältnissen der Fall.

Aus juristischer Sicht, wie sie Dr. Thomas Meysen (DIJuF) in seinem Beitrag darlegt, verdient die vertragliche Gestaltung des Pflegeverhältnisses durch die Eltern der Herkunfts- und der Pflegefamilie verstärkte Aufmerksamkeit. Er sieht es als lohnende Investition, wenn schon vor oder zumindest zu Beginn des Pflegeverhältnisses ein intensiver und moderierter Aushandlungsprozess zwischen Herkunfts- und Pflegeeltern stattfindet. So könne nicht nur der Grundstein für tragfähige Regelungen zur Gestaltung des Familienpflegeverhältnisses gelegt, sondern auch die Bewältigung später auftretender Konflikte verbessert werden.

Quelle: Medieninformation des DJI vom 04.05.09
 
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